Es handelt sich nicht um ein Duell, um zu sehen, welcher Wein besser ist. Das wäre unfair. Wir stehen vor zwei der größten Weine unseres Landes. Beide sind Ausnahmen, doch sie gleichzeitig zu trinken, hat mir geholfen, die Nuancen jedes einzelnen sowohl getrennt als auch im Zusammenspiel zu analysieren.
Als mein Bruder meinem Freund Vicente und mir vorschlug, den Único Reserva Especial von Vega-Sicilia zu teilen, den er zu seinem Geburtstag geschenkt bekommen hatte, schien es uns eine großartige Gelegenheit, ihn zusammen mit einem Castillo de Ygay, Gran Reserva Especial 2011, zu trinken. Also kauften wir eine Flasche dieses legendären Rioja.
Die beiden Flaschen einander gegenüberstehen zu haben, ist beeindruckend. Man weiß, dass man zwei „Miuras“ vor sich hat, die Eleganz ausstrahlen, und man weiß nicht, wann man sie wieder genießen wird – schon gar nicht gleichzeitig. Gehen wir zur Analyse über.
Das erste Glas, das ich trank, war der Castillo de Ygay. Der Wein war noch verschlossen. Die süßen Noten des amerikanischen Eichenholzes prägten den Wein, ebenso ein alkoholischer Akzent. Er brauchte Zeit. Dasselbe galt für den Único Reserva Especial. Der Wein zeigte sich weniger aggressiv, war jedoch noch zu verschlossen und musste sich ebenfalls öffnen. Wir dekantierten beide Flaschen und beschlossen, ihnen Zeit zu geben. Nach und nach entwickelten sich beide Weine weiter und wurden zugänglicher. Der Castillo de Ygay absorbierte allmählich Holz und Alkohol und wurde immer seidiger und eleganter. Der Único wiederum wurde ebenfalls gezähmt, integrierte seine Säure und wirkte zunehmend runder. Zu unserem Bedauern waren die Flaschen fast unbemerkt leer, und wir hätten gerne noch mehr und mehr davon getrunken.
Beide Weine waren großartig, doch zugleich hatte ich das Gefühl, dass wir sie zu früh tranken. Sowohl der Castillo de Ygay aus dem Jahr 2011 als auch der Único aus den Jahrgängen 2010, 2011 und 2012 waren noch jung und zeigten ein enormes Reifepotenzial. Der Lauf der Zeit hebt diese Weine exponentiell an und macht sie legendär. Dennoch muss ich zugeben, dass ihr Genuss in „jungem“ Zustand uns erlaubt, ihre ganze Größe zu erkennen.
Ein fantastisches Erlebnis – notwendig und absolut wiederholenswert mit Weinen von Weltklasse. Auf diesem Niveau gibt es keine Sieger und keine Besiegten, sondern nur magische Momente, in denen wir selbst die einzigen Gewinner sind.